Zwischennutzung in Zürich: Zwischen Freiraum und Prekarität

· by Studierende des Mastermoduls GEO 422 Urban Geography: Research and Methods · in Master's and PhD students projects

Sie gelten als kreative Lösung im Umgang mit Leerstand und Raumnot: Zwischennutzungen prägen zunehmend das Stadtbild Zürichs. Doch eine Untersuchung von Master-Studierenden der Stadtgeographie zeigt: Hinter dem positiven Image verbergen sich oft prekäre Bedingungen, undurchsichtige Vergabeprozesse und neue Formen sozialer Ungleichheit.

Zwischennutzungen haben in Schweizer Städten zunehmend an Bedeutung gewonnen, auch in Zürich. Die temporäre Vergabe von Stadträumen kann dazu dienen, die Leerstandskosten zu senken, Hausbesetzungen zu verhindern oder flexibel auf wandelnde städtische Anforderungen zu reagieren. Angesichts der anhaltenden Wohnungsknappheit und des Drucks durch Immobilienspekulation haben öffentliche und gemeinnützige Eigentümer:innen die Zwischennutzung als strategisches Instrument erkannt. Die aktuelle Zürcher Stadtpolitik hat zu einer weiteren Institutionalisierung dieser Praktiken geführt.

Damit können Zwischennutzungen erschwingliche Räume in zentraler Lage bereitstellen, womit sie zivilgesellschaftlichen Gruppen und Einzelpersonen – zum Beispiel Studierenden – zugutekommen. Diese Vorteile sind jedoch mit kritischen Herausforderungen verbunden. Auf den ersten Blick erscheinen solche Vereinbarungen für alle involvierten Parteien vorteilhaft, aber sie führen oftmals zu einer Normalisierung von Prekarität und eng befristeten Nutzungen. Und es stellen sich Fragen zur sozialen Gerechtigkeit und zu tiefgreifenden Widersprüchen zwischen städtepolitischen Zielen und der gelebten Realität. 

Master-Studierende untersuchten im Modul GEO 422 Urban Geography: Research and Methods das wachsende Phänomen der ‘gemeinnützigen Zwischennutzung’ in Zürich. In drei Gruppen analysierten sie verschiedene Projekte und brachten dabei auch ihre persönlichen Erfahrungen als Zwischennutzende oder Projektteilnehmende ein. Zu den analysierten Projekten zählten das Feministische Streikhaus, die Autonome Schule Zürich, die Zentralwäscherei, oder das ‘Parki’, sowie Vermittlungsstellen für befristete Räume wie die Dynamo Raumbörse, das JUWO, die IG Basislager und den Verein Zitrone. Ziel der Untersuchungen war es, die Herausforderungen bezüglich der Verwaltung, die prekären Alltagsrealitäten der Nutzer:innen und die vielschichtigen Auswirkungen von urbanen Zwischennutzungen besser zu verstehen. 

Die wichtigsten Erkenntnisse wurden unter anderem in öffentlichen Beiträgen publiziert: ein Artikel in der Zürcher Studierendenzeitung, ein Podcast im Radio Lora sowie eine GIS-Karte und ein Comic zum Vergabeprozess von Zwischennutzungen in Zürich.

Raumvergabe: Zwischennutzungen haben ein positives Image, doch der Vergabeprozess ist oft undurchsichtig

Welche Akteur:innen erhalten Zugang zu Räumlichkeiten und wie wird die Raumvergabe organisiert? Die Studierenden fokussierten sich dabei auf die Vision, die Politik und die Kriterien der Stadt Zürich sowie auf die Praktiken von gemeinnützigen Anbietern bei der Organisation und Mitbestimmung von Zwischennutzungen.

(K)ein Raum für alle – Eine kritische Auseinandersetzung der Organisation von Zwischennutzungen in der Stadt Zürich

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Studentisches Wohnen: Zwischennutzungen bieten günstigen Wohnraum, normalisieren jedoch prekäre Wohnbedingungen

Inwiefern ermöglichen Zwischennutzungen es Studierende, ihre sozialen Visionen mit den tatsächlichen Bedürfnissen der Bewohnenden in Einklang zu bringen? Führen temporäre Wohnangebote dazu, dass Mieter:innen ihre Rechte gegenüber Eigentümer:innen nicht einfordern, da sie diese nicht kennen oder die Konfrontation mit den Vermieter:innen scheuen? Besteht die Gefahr, dass prekäre Wohnverhältnisse unter dem Deckmantel von «Win-Win-Lösungen» normalisiert werden?

Zwischen Ersparnis und Einschränkung: Studentische Perspektiven auf das Leben in Zwischennutzungen

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Temporalität: Zwischennutzungen schaffen Freiräume für Experimente, jedoch mit Ablaufdatum

Welche Auswirkungen hat der begrenzte zeitliche Horizont von zwischengenutzten Räumen auf die Gestaltung der Ziele, Ressourcen und Kapazitäten kultureller oder politischer Projekte? Die Analyse befasste sich mit Initiativen, die aktivistische oder soziale Ziele verfolgen, sowie anderen Kulturprojekten, die überhaupt erst durch den befristeten Zugang zu Räumlichkeiten entstanden sind. Dabei wurden unterschiedliche Erfahrungen und die ambivalenten Auswirkungen von Temporalität hervorgehoben.

Der Einfluss von zeitlicher Befristung auf Zwischennutzungsprojekte in der Stadt Zürich

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Die drei studentischen Forschungsprojekte zeigen, dass die temporäre Nutzung von Stadträumen zu einer regulären, jedoch prekären Form der Stadtentwicklung avanciert ist. Zwischennutzungen eröffnen Möglichkeiten und reproduzieren zugleich soziale Ungleichheiten. Die Studierenden warfen wichtige Fragen zu Inklusion, Macht und zu den Bedingungen auf, unter denen Raum in heutigen Städten gewährt oder verweigert wird.

ZÜRI URBAN ist ein kollaboratives Lehrforschungsprojekt des Geographischen Instituts der Universität Zürich, das Konzepte des Forschenden Lernens mit Ansätzen kooperativer Forschung verbindet. Dafür erproben wir eine transdisziplinäre Geographielehre, die traditionelle Rollenverteilungen von Forschenden und Beforschten, sowie Lehrenden und Lernenden auf den Prüfstand stellt: In enger Kooperation mit ausseruniversitären Partner:innen in der Stadt sollen Studierende nicht über, sondern mit städtischen Akteur:innen lernen und Wissen produzieren.

Dieses Projekt ist das Anschlussprojekt an das studentische Forschungsprojekt «Stadt auf Zeit I» im Frühlingssemester 2024, in welchem sich Studierende mit temporärem Wohnen auf dem Mietmarkt befassten.
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Neben den Blog-Posts auf der ZÜRI URBAN Website veröffentlichten die Studierenden Beiträge, die ihre Forschungsergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln:
eine interaktive GIS-Karte sowie ein Comic zum Vergabeprozess von Zwischennutzungen in Zürich,
einen Artikel in der Zürcher Studierendenzeitung zum studentischen Wohnen in Zwischennutzungen
und einen Radiobeitrag bei Radio Lora zu Temporalität.

Die Studierenden des Mastermoduls GEO 422 Urban Geography: Research and Methods im Frühlingssemester 2025.

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1 Reaktionen

  1. Gratuliere zu den Arbeiten und zur Wahl des Themas. Ich lese: «haben öffentliche und gemeinnützige Eigentümer:innen die Zwischennutzung als strategisches Instrument erkannt.» –> Wir hatten über viele Jahre auf die Bedeutung der Zwischennutzungen in sozialer, kultureller und ökonomischer Hinsicht hingewiesen. Viele meiner Publikationen drehen sich um ZN, insbesondere «zone*imaginaire» 2010 im vdf Verlag erschienen, aber auch meine Dissertation am GIUZ Stadt, Kultur, Innovation (2006 seismo Verlag) zeigte die Bedeutung von ZN auf. Nochmals: bravo!

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