Schweizer Datenschatz: Die weltweit längsten Gletscher-Messreihen

Gletscher reagieren bekanntlich auf Klimaveränderungen, allerdings mit Verzögerung. Aussagen über ihre Zukunft lassen sich nur mit umfangreichen Daten über ihre Vergangenheit machen. Das neue GLAMOS-Datenportal stellt allen Interessierten die weltweit längsten Gletscher-Messreihen zur Verfügung.

Gletscher sind einer der besten Indikatoren für den Klimawandel. Ihr Rückgang ist einfach zu verstehen und hinterlässt deutlich sichtbare Spuren in der Landschaft. Trotzdem ist es für viele noch immer schwer vorstellbar, dass die eindrücklichen Gletscher der Alpen bald nicht mehr existieren könnten.

Doch es geht nicht nur um Ästhetik. Der Rückgang der Gebirgsgletscher stellt die Menschheit vor ernsthafte Probleme. Denn Gletscher spielen als Wasserspeicher eine wichtige Rolle, unter anderem für die Trinkwasserversorgung, die Landwirtschaft, die Stromerzeugung, die Naturgefahren-Situation und den Tourismus. Nur wenn wir wissen, wie sich die Gletscher in der Vergangenheit entwickelt haben, können wir Aussagen über ihre Zukunft machen. Lange und konsistente Messreihen sind daher entscheidend. In der Schweiz stehen diese Messreihen für alle Interessierten frei zur Verfügung.

Messdaten seit 125 Jahren

Das Schweizerische Gletschermessnetz (GLAMOS) dokumentiert die Veränderungen der Schweizer Gletscher seit dem Ende des 19. Jahrhunderts systematisch. Zentrale Aufgabe ist die Erhebung von repräsentativen und klima-relevanten Messungen auf Gletschern. Damit hat GLAMOS zu einer weltweit einzigartigen Datenbasis über Gletscherveränderungen in der Schweiz beigetragen. Von Bedeutung sind solche Messungen für wissenschaftliche Studien im Rahmen der Klimaveränderung und des Wasserkreislaufes. Doch sie stehen auch einem breiten Publikum zur Verfügung. Auf dem viersprachigen Datenportal – Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch – können die interessierte Öffentlichkeit, Schulen, Universitäten und Verwaltungen Einblick in den umfangreichen Datenschatz nehmen.

Die Massenbilanz gibt Auskunft über die «Gesundheit» der Gletscher

Der Findelgletscher bei Zermatt ist einer der vielen Schweizer Gletscher, an dem seit rund 125 Jahren die Längenänderung gemessen wird. Ein Vorstoss oder Rückzug eines Gletschers ist eines der deutlichsten und offensichtlichsten Anzeichen für Klimaveränderungen, allerdings mit zeitlicher Verzögerung. Wie einige andere mittelgrosse Alpengletscher, stiess auch der Findelgletscher in den 1970er/1980er Jahren markant vor, als Reaktion auf ein günstigeres Klima zu jener Zeit. Seither ist es global wärmer geworden und damit hat auch der Findelgletscher stetig massiv an Länge eingebüsst.

Seit 2004 erheben Forschende des GIUZ am Findelgletscher zusätzlich die Massenbilanz. Dies ist die Differenz zwischen dem Massengewinn durch Schnee und dem Massenverlust durch Schmelze über ein Jahr und gibt eine direkte Auskunft über die «Gesundheit» der Gletscher. Wie bei allen anderen Schweizer Gletschern sind auch beim Findelgletscher die gemessenen Bilanzen in den meisten Jahren stark negativ. Seit Messbeginn hat der Findelgletscher auf einer Fläche von 13 Quadratkilometer durchschnittlich 8.5 Meter Eis in der Dicke (-7.76 Meter Wasseräquivalent) eingebüsst. Auch dieser Gletscher verliert Jahr für Jahr mehr Masse als er gewinnt. Die noch vorhandenen Eisreserven schmelzen rapide dahin.

Veränderung des Findelgletscher über zehn Jahre von 2010 bis 2020 (Quelle: R. Delaloye, Université de Fribourg)

Grafisch ansprechendes und funktionales Datenportal

Die neu erstellte GLAMOS-Website präsentiert über 150 Schweizer Gletscher in einem interaktiven Kartenbrowser. Man kann die Gletscherdaten auch mit historischen Karten – beispielsweise mit der Dufour-Karte von 1865 –, mit dem Relief oder dem aktuellen Luftbild hinterlegen. Das grafisch ansprechende und funktionale Datenportal erlaubt einen direkten Vergleich der Längenänderung oder Massenbilanz mehrerer Gletscher. So lässt sich auf einen Blick erkennen, welcher Gletscher am meisten an Länge eingebüsst hat, ob es Gletscher gibt, bei denen trotz des Klimawandels in den letzten Jahren einmal eine positive Massenbilanz registriert wurde, oder wie lange die Messreihe eines Gletschers in die Vergangenheit reicht.

GLAMOS – Glacier Monitoring in Switzerland
Alle Daten stehen zum Download zur Verfügung. Je nach Anspruch und Verwendungszweck, können die Vergleich-Plots als Pixel-oder Vektorgrafik, oder als Datendatei (csv) bezogen werden.

Die Gletscher-Factsheets bieten – neben Fotos und weiteren allgemeinen Informationen zum Gletscher – eine Übersicht über die Daten und Messungen, die für den entsprechenden Gletscher zur Verfügung stehen.

Auf den Info-Seiten finden sich Publikationen (Pressemitteilungen, Jahresberichte, Jahrbücher), ein Gletscher-Glossar, Informationen zur Trägerschaft und Organisation und zu den Mitarbeitenden von GLAMOS.

Der interaktive Kartenbrowser basiert auf dem Kartenmaterial von swisstopo.

Andreas Linsbauer